Der eigene Wille

10.10.2017

Neulich hat meine Frau länger arbeiten müssen und so habe ich mit Little E das Abend-Programm gestaltet. Was heisst gestaltet? Wir haben seit vielen Monaten (jetzt denken die, die schon viel länger als wir dabei sind --- gääähn:-) ein Ritual für Little E.

Gegen 17 Uhr beginnt die Apéro Zeit - Little E knabbert am Appetizer während wir gemeinsam Kochen | um ca. halb 7 essen wir zusammen. Vor jeder Mahlzeit singen wir ein Lied. Je nach Konstellation singen wir es anders. Mal schneller oder langsamer, manchmal kürzen wir es auch mal ab, je nach "Hungergrad" von Little E. Nach dem Essen (Little E ist meistens früher fertig - dann darf sie runter von ihrem Hochstuhl und selbstständig Bücher gucken) gehen wir die Zeit bis 20 Uhr ruhig an. Das heisst, kein rum rennen mehr und bestimmt keine Helikopter-Spielchen mit Papa. 

 

An letzten Donnerstag assen wir Fleischkäse mit Kartoffeln und Bohnen. Nach dem Essen liess ich für Little E das Badewasser in die kleine, orange Plastik-Wanne ein - ein Erbstück, in der ihre Mama als Kleinkind drinnen gebadet hat. Sie badet oder besser gesagt, sie spielt max. 20 Minuten. 

 


Das Spielzeug zum Baden variiert. Sie liebt es das Badewasser vom einen Gefäss ins nächste zu giessen und oft trinkt sie auch einen Schluck davon - eigentlich immer :-P

Vom letzten Badespass mit Mama war noch ein Löffel übrig geblieben. Ich beobachte, wie sie mit dem Löffel spielt, daraus trinkt und ihn dann versucht zwischen die Zehen zu klemmen. Beim rechten Fuss hat es geklappt . nun ist die Versuchung gross, den Löffel gleichzeitig auch zwischen die Zehen von linken Fuss zu klemmen. Versuch 1 - gescheitert! Versuch 2 - gescheitert. Versuche 3 - 7 gescheitert. Ich bewundere ihre Hartnäckigkeit und die Ruhe, mit der sie ihr Ziel zu erreichen versucht. 

 

Sie schafft es diesmal leider nicht.

 

Aber ich bin mir sicher, dass ihr das Vorhaben mal wieder in den Sinn kommt und sie es mit viel Übung schafft.

 

Nach ca. 15 Minuten gebe ich ihr langsam zu verstehen, dass die Bade-Session sich dem Ende neigt. Sie winkt ab und würdigt mich keines Blickes. Ich staune. Sie wendet sich nicht von mir ab, sondern blickt gerade aus, fixiert an einen Punkt. Ich sehe wie sich ihre Augen hin und her bewegen, aufwärts und abwärts - als würde sie schauen, ob ich es denn wirklich ernst meine. Das geht eine kleine Ewigkeit. Ich spreche sie nochmals an und versuche ihr zu vermitteln, dass der Bade-Spass für heute fertig ist und sie morgen nochmal baden kann, wenn sie möchte. Ist klar, sie versteht mich nicht, dem bin ich mir bewusst. Kommunikation ist alles - nicht bei einem Kind. Ein Kind möchte spielen, Freude haben und geniessen auch wenn es das eigene Badewasser schlürft. 

 


Ich versuche es nochmals - "Für heute ist fertig gebadet". Sie antwortet "NEIN". Ich überlege und bin einerseits fasziniert, dass sie wahrscheinlich bewusst einfach noch etwas länger baden möchte und andererseits ist jetzt wirklich langsam Schluss.

 

Ich ziehe sie dann doch aus der Badewanne. Sie heult - die Tränen fliessen und ich frage mich, ob meine Entscheidung sie aus dem Wasser zu nehmen die richtige war? War ich zu streng? Hätte ich sie nicht noch ein wenig länger in der Badewanne spielen lassen können? Ich habe keine Antwort darauf, bis heute nicht. Aber ich habe eine Entscheidung getroffen und gemerkt, dass meine Tochter mit dieser nicht einverstanden war. 

 

Der Bademantel ist montiert und ich merke wie sie mir vor Müdigkeit in die Arme fällt. Sie sagt "miiiillll" und betont mit Gebärde, dass sie es wirklich ernst meint. - Milch ist der nächste Schritt, vor dem Zähne putzen. 

 

Die Milch ist schnell zubereitet und das Pyjama lässt sich auch ohne Probleme montieren. Aber die Entscheidung in ihr eigenes Bett zu liegen trifft sie wiederum selbstständig. So lege ich sie in ihr Bett und singe das Schlaflied - welches meine Frau oder ich der Situation entsprechend mal länger, mal kürzer singen.

 

Ich fasse zusammen: Das eigene Kind beobachten und persönliche Schlüsse daraus ziehen, ist das eine, auf die Bedürfnisse des Kindes eingehen ist das andere aber die Kunst eine Entscheidung zu treffen ist 

 

unbezahlbar

das wahre Leben

unmöglich

mal so, mal so

richtig

voll daneben

falsch

mutig

Schicksal 

 

es gibt vermutlich noch zig verschiedene Antworten.

Ich empfehle, eigene Erfahrungen machen.

 

Eins ist sicher - ein "falsch" gibt es nicht. Dies ist aber kein Freischein, alles mögliche zu versuchen.

 

Menschenverstand und Kindesverstand - Hand in Hand

 

stay tuned!

 

 

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