Seien Sie so nett!!

26.08.2017

Heute war ein seltsamer Wetter-Tag. Ich war schon früh unterwegs. Als ich gegen viertel ab 7 Little E zur Kita brachte, tröpfelte es ein wenig. Auf dem Weg zum Zahnarzt fielen die Tropfen schon etwas schneller und meine Old-School Adidas-Treter wurden ziemlich schnell nass. Ich habe noch kurz daran gedacht, die Schuhe zu wechseln, bevor ich ins Drämmli steige - entschied mich dann aber doch dagegen. Ich dachte mir, meine Angst vor den Schmerzen wird die Schuhe dann schon trocknen :-P

 

Der Besuch bei der Zahnärztin war ziemlich schmerzvoll. Das erste Mal ohne Spritze. Oh la la. Ich dachte mir aber nicht, Du bist ein Mann, da musst Du durch, sondern nahm mir meine Frau als Vorbild. Sie hat oder besser gesagt, hatte eine ziemlich ausgeprägte Spinnenphobie und hat deshalb im Zoo(h) Zürich ein Angstseminar besucht - mit dem Ziel, im Alltag mit Spinnen umgehen zu können und ihre Angst nicht an Little E zu übertragen. Mit grossem Erfolg, denn heute, wenn sie eine Spinne sieht, sagt sie, "Du bist ein faszinierendes Lebewesen". Wow! Welch ein Mut und wie bewundernswert ihre Einstellung ist, ihre Ängste nicht zu deren von Little E zu machen. Vielleicht ist ja auch was genetisches im Spiel, ich weiss es nicht. Trotzdem war das Seminar für sie sehr wertvoll. Und ich kann mich in Zukunft zurücklehnen und meiner Frau zuschauen, wie sie die faszinierenden Lebewesen aus dem Fenster begleitet. 

 

Auf dem Nachhauseweg sitze ich in den neuen Drämmli der Basler Verkehrs Betriebe. Die sind von Bombardier und sehr schön, wie ich finde. Auch etwas organisiert. Denn für jeden gibt es Platz. Für jede und jeden, der einen Fensterplatz möchte, oder einen Kinderwagen dabei hat oder eben, für die, die in ihrer Mobilität etwas eingeschränkt sind. Solche Sitze sind bei den BVB gekennzeichnet und ansonsten bieten die Flexity Trams zwischen 74 & 80 Sitzplätze. Also genügend Platz für alle, die nicht stehen wollen oder müssen. Genau da, wo der Platz für Personen mit beschränkter Mobilität reserviert ist, sitzt eine junge Dame, ca. anfangs 20. Ein typischer Nach-Teenager, mit rot gefärbten Haaren, Kopfhörern in den Ohren und Smartphone in der Hand. Ich denke mir, nichts böses, habe auch keine Vorurteile ihr gegenüber. Hoffe aber insgeheim, dass sie in einer Selbstverständlichkeit aufsteht, sobald eben einer Person das Drämmli betritt, für die dieser Platz reserviert ist. So geschieht es auch. Zwei ältere Damen mit Hund und Rollator steigen ein und prompt zieht es sie zu "ihren Plätzen". Die junge Dame bewegt sich nicht, kein bisschen. Und ich ahne, dass es zu einer hitzigen Diskussion kommt.

 

Gleichzeitig erinnere ich mich, als mein Vater mir im ehemaligen Jugoslawien beigebracht hat, wie ich mich zu verhalten habe, wenn ich älteren Personen auf der Strasse begegne. "Junge, Du musst immer zuerst grüssen und fragen wie es ihnen geht. Wenn sie schwer tragen, dann musst Du fragen, ob sie Hilfe brauchen oder Du ihnen sonst behilflich sein kannst". 

 

Die älteren Damen sind gestresst, denn "ihr Platz" ist besetzt. Sie hatten offensichtlich einen Plan und müssen jetzt umorganisieren. Das bringt sie in eine unangenehme Situation. Die eine mit Rollator setzt sich auf den für sie reservierten Platz, die andere mit dem Hund, hinter mich. Sie sind nicht geübt, in stressigen Situationen spontane Entscheidungen zu treffen, wieso auch? Sie haben ein erfülltes Leben hinter sich und geniessen die Momente, wenn sie Teil der Gesellschaft sind. Und das Leben ist ja heutzutage so einfach wie noch nie, für ältere oder schwächere - könnte man meinen. Auf die Frage, ob die junge Dame denn nicht aufstehen wolle, erwiderte sie: "Sie haben ja einen Platz gefunden". Darauf antwortet die ältere Dame: "Dieser Platz ist reserviert für Menschen, die sich nicht gut bewegen können, Bitte seien sie so nett". Recht hat sie! Dennoch erwartet sie meiner Meinung nach von der jüngeren Dame, dass sie so gut sein soll, wie sie es von ihr erwartet. Und dieser Gedanke kam mir schon auf, als mein Vater mir den Umgang mit älteren Personen erklärte. Ich solle so sein, wie andere es von mir erwarten. "Wieso darf ich nicht selbstständig entscheiden, was ich fragen möchte"? fragte ich mich.

 

Die jüngere Dame betont nochmals, dass ja beide einen Sitzplatz gefunden haben, es sei alles nicht so schlimm. Doch die ältere Dame auch mit solchen Antworten nicht geübt, antwortet: "Erst wenn Sie wissen, was Anstand ist, rede ich weiter". 

 

Was ist Anstand? Hat sich dieser, wie vieles andere auch in den vergangenen Jahren auch geändert? Oder zumindest die Bedeutung? Muss man noch immer für andere mitdenken? Zumindest für die älteren und schwächeren?

 

Die Situation klärt sich, als eine Durchsage erfolgt, dass das Drämmli nicht die gewohnte Route fährt - auf Grund einer Baustelle. Jetzt kommt die junge Generation zum Zug. Dies bringt die zwei älteren Damen noch mehr zum verzweifeln, denn sie müssen wieder in einer ungewohnten Situation spontan reagieren. Dass das nicht unbedingt ihre Stärke ist, habe ich schon erkannt. Die jüngere Dame nimmt beide Kopfhörer aus den Ohren und fragt die ältere, wo sie denn hin müsse. Auf ihrem Smartphone sucht sie die aktuellen Verbindungen und empfiehlt den älteren Damen eine alternativ Route. Pädäbäääääm - das ist es, denk ich mir und erhebe das Glas für meine Generation und alle die, die nach mir auf diese wunderbare Welt gekommen sind. Denn trotz ihrer Sturheit, hat die jüngere Dame bewiesen, dass sie in der Gesellschaft einen wichtigen Teil dazu beiträgt. Und die älteren Damen haben gezeigt, dass sie sich helfen lassen, wenn sie in einer ungewohnten Situation sind. Ich bin happy, dass die Begegnung diesen Lauf genommen hat. Denn was gibt es schöneres, als wenn Menschen aufeinander treffen, die verschiedener Meinung sind, am Ende doch in Frieden auseinander gehen.

 

Ein Wort für die Politik!

 

Ich nehme mir raus, dass ich meine Tochter fördere, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. Sie aber mit den Konsequenzen leben muss. Und sie soll die Vielfalt der Menschen zu respektieren wissen, denn nichts ist schlimmer, als wenn man sich die eigene Überlegenheit zum Vorteil macht.

 

..stay tuned!

 

 

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